Ein unvollendetes und unbetiteltes „Gedicht“.
Eine passende Überschrift „Deutsche Größe“ wurde erst von Bernhard Suphan, Literaturwissenschaftler und Direktor des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs, in seiner Ausgabe von 1902 hinzugefügt.

Hier einige Zeilen des Gedichtes „Zur Feier der Jahrhundertwende“:

Von Schiller hingeschriebene Frage: „Darf der Deutsche in diesem Augenblick, wo er ruhmlos aus seinem tränenvollen Kriege geht, wo zwei übermütige Völker ihren Fuß auf seinen Nacken setzen, und der Sieger sein Geschick bestimmt – darf er sich fühlen? Darf er sich seines Namens rühmen und freuen? Darf er sein Haupt erheben und mit Selbstgefühl auftreten in der Völker Reihe?“

Wo der Franke wo der Brite
Mit dem stolzen Siegerschritte
Über seinen Nacken tritt?
Schweigend in der Ferne stehen
Und die Erde teilen sehen
Traurig mit gesenktem Blick
Keine freie Bürgerkrone
Wie der Franke seinem Sohne
Keinen Lorbeer mit zurück.

Und Schiller bejaht: „Ja er darfs! Er geht unglücklich aus dem Kampf, aber das, was seinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren. Deutsches Reich und deutsche Nation sind zweierlei Dinge. Die Majestät des Deutschen ruhte nie auf dem Haupt seiner Fürsten. Abgesondert von dem Politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium untergegangen, so bliebe die deutsche Würde“

Deutschlands Majestät und Ehre
Ruhet nicht auf dem Haupt s. Fürsten.
Stürzte auch in Kriegesflammen
Deutschlands Kaiserreich zusammen,
Deutsche Größe bleibt bestehn.

Hier die einzigen Reime dieses Fragments, die vollendet sind und die beweisen, daß Deutschland schon einmal die Völker geistig befreit hat:

Finster zwar und grau von Jahren,
Aus den Zeiten der Barbaren
Stammt der Deutschen altes Reich.
Doch lebendge Blumen grünen
Unter[Über] gotischen Ruinen gleich.

Das ist nicht des Deutschen Größe
Ob zu siegen mit dem Schwert,
In das Geisterreich zu dringen
Männlich mit dem Wahn zu ringen
Das ist seines Eifers wert.

Schwere Ketten drückten alle
Völker auf dem Erdenballe
Als der Deutsche sie zerbrach
Fehde bot dem Vatikane
Krieg ankündigte dem Wahne
Der die ganze Welt bestach.

Höhern Sieg hat der errungen
Der der Wahrheit Blitz geschwungen,
Der die Geister selbst befreit
Freiheit der Vernunft erfechten
Heißt für alle Völker rechten
Gilt für alle ewge Zeit.

Johann Christoph Friedrich von Schiller, 1759 – 1805

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